An einem gar nicht so winterlichen Wintertag haben wir dem Schönramer Filz im Chiemgau einen Besuch abgestattet. Einsam und verlassen fanden wir den Moorsee keineswegs vor. Aber das zeugt auch davon, dass es schon eine sehr besondere Landschaft ist, die man hier zu sehen bekommt.
Winter 2022/23. Erinnerst du dich noch? Zwei Wochen Kälte und Schnee wurden vom Weihnachtstauwetter pünktlich vor den Feiertagen abgelöst. Doch die frühlingshaften Temperaturen wollten einfach nicht mehr gehen. Schuld daran war laut Meteorologen ein sehr stabiler Polarwirbel, der milde Luft vom Atlantik nach Europa schaufelte.
Was aber tun an den warmen Wintertagen? Wintersport fällt praktisch aus, wenn sogar im Hochgebirge kaum noch Schnee liegt. Ich persönlich mag diese Jahreszeit mit Schnee viel lieber, alles ist heller und wirkt viel freundlicher. Aber zu Hause versauern ist natürlich keine Option, zumal die warmen Sonnenstrahlen einem doch hinaus in die Natur ziehen. Die kurzen Tage zu dieser Jahreszeit lassen kaum größere Unternehmungen zu und so sind es eher kleinere Spaziergänge und Ausflüge, mit denen wir unsere freien Tage füllen.
Bevor es losgeht: Nahrung ist im Winter rar für Wildtiere. Jede Flucht vor Menschen, die in ihre Lebensräume eindringen, verbraucht Energie, die ihnen am Ende für das Überleben dieser kargen Zeit fehlen könnte.
➡ Bleib deshalb bitte auf den Wegen und vermeide unnötigen Lärm!
Durch den Schönramer Filz
Einer dieser Ausflüge führt uns wieder einmal nach Bayern. Das heutige Ziel ist der (oder das?) Schönramer Filz im Landkreis Traunstein. Die Sonne lacht vom fast wolkenlosen Himmel. Als hätten sie den Frühling verschlafen, strecken die Laubbäume ihre kahlen Äste in das blaue Firmament. Doch es gibt auch viel Grün zu entdecken, wenn man den Blick auf den Boden richtet: Moose freuen sich sehr darüber, dass es um diese Jahreszeit kaum abtrocknet. Auf dem feuchten Waldboden laufen sie (ohne die Konkurrenz durch höhere Pflanzen) zur Höchstform auf. Die Heidelbeeren tragen zwar keine Blätter, aber ihre grünen Stiele geben trotzdem ein kräftiges Lebenszeichen.







Zum Wegverlauf selbst gibt es eigentlich nicht viel zu sagen. Der als Rundweg angelegte Moorlehrpfad führt in etwa 45 Minuten rund um den fast perfekt rechteckigen Moorsee. Die Natur bringt solch gerade Linien nicht hervor. Vielmehr handelt es sich dabei um eine Torfabbaugrube, in der zu Beginn des 20. Jahrhunderts der Moorboden in industriellem Stil abgetragen wurde. Heute sind die Entwässerungsgräben verschlossen, die Grube mit Wasser aufgefüllt. Somit findet unter anderem eine Kolonie Graugänse darin ein Zuhause. Auch den Schwarzstorch soll man rund um den See antreffen – allerdings nur in der (noch) wärmeren Jahreszeit.






Es existiert im Schönramer Filz übrigens auch eine zweite ehemalige Torfabbaugrube, die laut Karte sogar noch größer sein dürfte und bis 1998 (!) in Betrieb war. Sie ist allerdings nicht durch Wege erschlossen.
Neben dem Moorsee kann der Schönramer Filz mit weiteren Ökosystemen aufwarten:
Das Hochmoor im Schönramer Filz
Der Ausdruck „Filz“ ist die bayrische Bezeichnung für ein Moor. Dies ist somit der ursprüngliche Zustand dieser Landschaft. Erst durch den Eingriff des Menschen haben sich andere Landschaftsformen ausgebildet. Der Schönramer Filz war ursprünglich – also vor dem Eingriff durch den Menschen – als Hochmoor ausgebildet. Von einem Hochmoor spricht man, wenn die Vegetation keinen Kontakt zum Grundwasser mehr hat. Woher erhalten die Pflanzen aber dann das lebensnotwendige Wasser? Die Antwort lautet: Regenwasser! Deshalb wird ein Hochmoor manchmal auch als Regenmoor bezeichnet.
Dass es überhaupt Hochmoore gibt, ist einer bestimmten Pflanzengattung zu verdanken: Den Torfmoosen. Sie sind zugleich Schöpfer und Erhalter dieses komplexen Systems. Dicht an dicht wachsen die kleinen Pflänzchen dem Licht entgegen. Dabei sterben die unteren Pflanzenteile nach und nach ab und bilden den Torfkörper. Dieser speichert wie ein riesiger Schwamm das Regenwasser. Im Schönramer Filz ist der Torfkörper bis zu sechs Meter mächtig.
Wasser ist das Eine, aber Nährstoffe sind nochmals ein ganz anderes Thema. Im Hochmoor gibt es fast keine. Erstens, weil es keinen Kontakt zum mineralienreichen Erdboden gibt, zweitens weil das Substrat sehr sauer ist. Saurer Boden ist ein starker Wachstumshemmer für Pflanzen, wie du vielleicht weißt, wenn du dich für Gärtnern interessiert. Durch Säuren wird nämlich die Aufnahme wichtiger Mineralstoffe blockiert. Warum das Moor so sauer ist, erzähle ich vielleicht ein anderes Mal, ansonsten wird der Text zu lange.
Merk dir einfach: Hochmoor = saurer Boden!
Nur wenige spezialisierte Pflanzenarten kommen mit diesen Bedingungen zurecht. Die vielleicht spannendste ist der Sonnentau, eine kleine fleischfressende Pflanze. Auch so kann man zu den benötigten Nährstoffen gelangen. Daneben prägen Heidel- und Preiselbeeren, Wollgräser und Simsen das Antlitz der Hochmoorflächen. Verstreut können zwar Latschen vorkommen, Bäume fehlen in einem intakten Hochmoor jedoch komplett.
Wie ein Hochmoor entsteht, ist auf einer Tafel am Moorlehrpfad gut dargestellt:

Intaktes Hochmoor nimmt nur noch vergleichsweise wenig Fläche im Schönramer Filz ein. Diese ökologisch empfindlichen Zonen sind öffentlich nicht zugänglich, deshalb kann ich leider keine Fotos liefern. Im Zuge weiterer Renaturierungsmaßnahmen ist man aber bestrebt, noch mehr Anteile in diese ursprüngliche Landschaftsform zurück zu verwandeln.
Der Moorwald im Schönramer Filz
Ursprünglich erstreckte sich Wald nur am Rand der Hochmoorflächen. Vor allem Waldkiefern, Birken und Schwarzerlen kommen mit der Staunässe im Boden gut zurecht. Nach der großflächigen Entwässerung des Moores im Zuge der industriellen Torfgewinnung konnte sich der Wald weiter ausbreiten. Zusätzlich wurden weite Teile der entwässerten Flächen mit Fichte besetzt, um noch mehr Produktion aus dem Moor herauszuholen. Heute ist man bemüht, die standortfremden Fichten wieder zurück zu drängen.




Die Zwergstrauchheide im Schönramer Filz
Nicht alle entwässerten Flächen wurden aufgeforstet. Manche ließ man einfach brachliegen, um später vielleicht einmal leichter an den Torf gelangen zu können. Sie verwandelten sich im Laufe der Jahrzehnte in Heide. Die Charakterpflanze dieser Landschaftsform ist die Besenheide. Im Spätsommer verwandelt sie den Schönramer Filz in ein Meer aus rosa Blüten. Heute zeigen sie sich aber in ihrem rostfarbenen Winterkleid. Aber auch Pioniergehölze wie Birke oder Waldkiefer haben sich einigerorts angesiedelt und verwandeln die Zwergstrauchheide zunehmend in Wald. Die allermeisten baumlosen Flächen, die du vom Rundweg aus sehen kannst, sind übrigens Heide. Es gibt zwei Möglichkeiten, wie mit den großen Heideflächen in Zukunft verfahren werden kann: Entweder man vernässt sie wieder und führt sie zurück in ein Hochmoor, oder man findet Methoden, sie auf Dauer baumfrei zu halten, zum Beispiel durch Beweidung. Unternimmt man nichts, so wird sich die Heide in wenigen Jahrzehnten in Wald verwandelt haben.




Beim Spaziergang durch das sonnengeflutete Moor denke ich noch, dass wir eigentlich die komplett falschen Wetterbedingungen für unseren Besuch haben. Denn eigentlich macht so ein Moor erst richtig was her, wenn Nebelschwaden über die Landschaft ziehen.
Im Bereich der großen Heidefläche westlich des Moorsees passiert es dann auch, als plötzlich Nebelschleier aufziehen. Welch ein glücklicher Zufall! Und ich ohne meine Kamera! Die Sonne ist bereits hinter den Bäumen verschwunden und der Nebel – auch wenn es nicht viel ist – legt seinen mystischen Schleier über die Szenerie. Es ist ein fantastisches Bild, das sich uns bietet. Ärger darüber, dass ich meine Kamera wieder nicht dabei habe, kommt auf. Aber ärgern hilft nunmal nichts und so versuche ich was geht aus der Handykamera herauszuholen.







Es beginnt bereits zu dämmern, als ich nochmals zurück zum See eile, in der Hoffnung, dass sich auch hier Nebelschleier ausbreiten würden. Doch am See ist leider überhaupt keine Spur von Nebel.

Der Besucherstrom ist mittlerweile abgeebbt. Heute waren unglaublich viele Menschen im Schönramer Filz unterwegs. Familien mit Kindern, Familien mit Hunden, Familien mit Kindern und Hunden, in die Natur verlegte Verwandtschaftstreffen, alle waren sie heute anzutreffen. Nun kehrt Stille ein rund um den Moorsee, nur ein paar Jogger ziehen ihre einsamen Runden. Welch ein schöner, ruhiger Ausklang.

Das sind die Highlights im Schönramer Filz:
⭐ Die unterschiedlichen Ökosysteme
⭐ Der informative Moorlehrpfad
⭐ Die weiten Ausblicke
⭐ Der Moorsee als zentrales Landschaftselement
Ein Wort zu den zahlreichen Trampelpfaden
Ich weiß, ich weiß. Es ist verlockend, den stark frequentierten Weg zu verlassen und sich auf kleinen Trampelpfaden in die Büsche zu schlagen. Die netten Schildchen mit der Libelle und den Hinweisen, dass man nicht weiter gehen soll, sind aber nicht zu Dekorationszwecken aufgestellt! Du zertrampelst empfindliches Ökosystem und störst die Tierwelt in ihrem natürlichen Lebensraum. Was würdest du tun, wenn tagein tagaus Scharen von Menschen durch deine Wohnung liefen und du nichts dagegen unternehmen könntest? Richtig, du würdest ausziehen. Genau das tun Tiere auch, wenn ständig überall Menschen umher laufen. Bleibt nur die Frage, wo sie hinziehen sollen? Denn in unserer dicht besiedelten Kulturlandschaft gibt es kaum noch Platz für sie.
💡 Bleib doch bitte auf den Wegen, auch wenn es manchmal schwerfällt. Danke!
Anreise:
mit dem Auto:
Von Freilassing kommend auf der Wasserburger Straße Richtung Waging am See fahren. In Schönram gleich nach der Brauerei rechts abbiegen in Richtung Laufen.
Von Traunstein kommend nach Waging am See fahren, dort weiter in Richtung Freilassing halten. Unmittelbar vor der Brauerei in Schönram links abbiegen in Richtung Laufen.
Adresse für Navi: Moorerlebnispfad Schönramer Filz, 83367 Petting, Deutschland
Plus Code: VVX5+9Q Petting, Deutschland
Koordinaten: 47.89848, 12.85944
Parken:
Erste Parkmöglichkeit: unbeschildeter Parkplatz im Wald nach ca. 800 Metern links an der Straße Richtung Laufen, 600 Meter Fußweg bis zum Moorlehrpfad
Zweite Parkmöglichkeit: großer beschildeter Besucherparkplatz nach ca. 1,6 km an der Straße Richtung Laufen
Alle Parkplätze sind kostenlos, der große Besucherparkplatz ist Ausgangspunkt des Moorlehrpfads.
mit Öffis:
Der Schönramer Filz ist mit Regionalbussen erreichbar (Haltestelle Schönram Heidewanderweg). Wie auch immer, sind die Verbindungen nicht für Freizeitaktivitäten gedacht, sondern als Schulbusse. Entsprechend sind die Fahrzeiten an die Schulzeiten angepasst.
Oberbayernbus Linie 9519 verkehrt zwischen Laufen und Waging am See via Schönram in unregelmäßigen Abständen nur von Montag bis Freitag. Laufen ist von Freilassing aus mit Bus oder Bahn erreichbar, Waging am See ist von Traunstein aus mit dem Bus erreichbar.
Alles in allem ist die Anreise mit Öffis umständlich und nicht sehr attraktiv.
Genaue Fahrzeiten und Infos zu Anschlüssen finden sich auf der Webseite des RVO.
Schönramer Filz auf der Karte:
Tourdaten (für den Moorlehrpfad):
Weglänge: ca. 3,5 km
reine Gehzeit: ca. 1:00 Stunde
Höhenunterschied: +/- 0 m
Wegbeschaffenheit: Wanderung auf breiten Spazierwegen ohne Steigungen
Schwierigkeit nach SAC Wanderskala: T1 – Wandern
Trittsicherheit erforderlich: nein
ausgesetzte Stellen: nein
Familientauglichkeit: hervorragend geeignet für Kinder jeden Alters, zudem kinderwagentauglich
Barrierefreiheit: ja
Empfohlene Ausrüstung: bequeme Schuhe
Einkehrmöglichkeiten:
Im Schönramer Filz gibt es keine Einkehrmöglichkeiten, der Braugasthof in Schönram liegt jedoch in Fußdistanz (ca. 1,5 km) vom Moorlehrpfad.
Letzte Eindrücke aus dem Schönramer Filz:



Bitte beachte:
Alle Angaben und Beschreibungen in diesem Artikel spiegeln meine persönlichen Eindrücke und Erfahrungen wider und erfolgen daher ohne Gewähr auf Richtigkeit bzw. Aktualität. Gelände und Natur sind ständigen Veränderungen unterworfen. Wege könnten aus diesem Grund nicht mehr passierbar, gesperrt oder anderweitig verändert sein. Auch das Wetter kann großen Einfluss auf den Charakter eines Weges haben. Eine sorgfältige Tourenplanung ist für das Wandern in der Natur – speziell im Gebirge – deshalb unerlässlich.
So, das war vorerst der letzte Beitrag mit Handyfotos. Ich habe endlich meinen Laptop wieder. Die Fotos für den nächsten Beitrag sind auch schon fertig. Soviel kann ich schon mal verraten: Es wird endlich wieder winterlich.
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